Der Aufwands-Irrtum bei der Geldanlage
Vielleicht kennst du das: Du weißt eigentlich, dass dein Geld auf dem Sparbuch an Wert verliert. Du hast auch schon gehört, dass der Aktienmarkt langfristig attraktive Renditen bietet. Und trotzdem zögerst du. Wenn es dir so geht, bist du in guter Gesellschaft. Eine aktuelle Studie von Finanzökonomen liefert nun spannende Einblicke, warum das so ist.
Eine Studie mit neuem Blickwinkel
Ein Team aus Finanzökonom:innen der Goethe-Universität Frankfurt, der University of Washington und anderer Forschungseinrichtungen ist der Frage nachgegangen, warum die Beteiligung am Aktienmarkt in einem wohlhabenden Land z.B. wie Deutschland so gering ist. In Deutschland investieren nur etwa 17 % bis 21 % der Menschen direkt in Aktien oder Fonds (Anmerkung: Studien bestätigen ähnliche Zahen in Österreich).
Anstatt wie üblich nur Statistiken zu wälzen, haben die Finanzökonom:innen einen anderen Weg gewählt: Statt nur Zahlen zu wälzen, führten sie 90-minütige Interviews mit Sparern, um deren persönliche „mentale Modelle“ vom Investieren zu verstehen.
Die große Hürde: Das Gefühl, ein „Profi“ sein zu müssen
Das überraschendste Ergebnis der Studie (der sogenannte „Piore Surprise“) ist nicht etwa ein Mangel an Geld oder Risikoangst allein. Es ist eine weit verbreitete Fehleinschätzung darüber, wie viel Aufwand Investieren angeblich erfordert.
In den Köpfen vieler Nicht-Anleger:innen herrscht die Vorstellung, dass man:
- massives Expertenwissen braucht, um „gute“ ETFs, Firmen, etc. von „schlechten“ zu unterscheiden.
- ständige Kontrolle ausüben muss. Rund 70 % der Nicht-Anleger:innen glauben, man müsse seine Anlagen mindestens einmal pro Woche prüfen, um keine Verluste zu riskieren.
- den Markt „timen“ muss, also genau wissen muss, wann man kauft und verkauft.
Dieser gefühlte Berg an Arbeit wirkt wie eine unüberwindbare Einstiegshürde. Wer einen stressigen Alltag hat, schiebt das Thema Finanzen verständlicherweise nach hinten, wenn man glaubt dafür erst ein halbes Studium absolvieren zu müssen.
Was die Forschung dazu sagt: Weniger ist mehr
Die Ökonomen betonen, dass diese hohen „gefühlten Kosten“ oft auf einer Unkenntnis über die Markteffizienz beruhen. In der modernen Finanzwelt ist es für Privatanleger:innen extrem schwierig, durch ständiges Beobachten und Handeln besser abzuschneiden als der Marktdurchschnitt.
Die gute Nachricht aus der Wissenschaft: Erfolgreiches Investieren erfordert eigentlich weniger aktives Tun. Sogenannte Buy-and-Hold-Strategien (kaufen und halten), zum Beispiel über sichere, breit gestreute ETFs minimieren den Zeitaufwand und sind oft erfolgreicher als der Versuch, den perfekten Zeitpunkt für den Kauf oder Verkauf zu finden.
Wie man die Hürde überspringt
Interessanterweise teilen sogar viele Menschen, die bereits investieren, diese Mythen über den nötigen Aufwand. Warum haben sie trotzdem angefangen? Meistens war es kein plötzlicher Wissensschub, sondern soziale Unterstützung. Impulse von der Familie, Gespräche mit Freunden oder der Austausch in speziellen Gruppen (wie Finanz-Communities für Frauen) halfen dabei, die erste Angst zu überwinden.
Das Fazit der Forschung
Wenn du das Gefühl hast, du hättest „nicht genug Zeit“ oder „nicht genug Ahnung“ um finanziell Vorzusorgen, dann ist das oft ein Resultat falscher Vorstellungen über den nötigen Aufwand. Wir müssen das Investieren entmystifizieren. Es ist kein zweiter Job, den man nebenbei erledigen muss. Wer versteht, dass „passives“ Investieren kein Mangel an Fleiß ist, sondern eine wissenschaftlich fundierte Strategie, nimmt sich selbst den Druck und macht den Weg frei für die eigene finanzielle Vorsorge.
Quelle: Duraj, K., et al. (2025). Rethinking the Stock Market Participation Puzzle: A Qualitative Approach. CESifo Working Paper.